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Bericht von: | ||||||||||||
Debatten über globale oder transnationale Geschichte sind meistens weit davon entfernt, selbst global zu sein, sondern entfalten sich immer noch häufig in nationalen Wissenschaftskontexten. Zwar gibt es vermehrt transatlantische Kooperationen und Versuche, europäische Debatten zu bündeln, zum Beispiel durch das European Network in Universal and Global History. Doch finden selbst diese Begegnungen oft ohne Mitwirkung von Vertretern anderer Kontinente statt. Obwohl über die Welt geredet wird, geht damit nicht immer Kenntnis der globalgeschichtlichen Traditionen und Diskussionen in Regionen außerhalb von Europa und Nordamerika einher. Noch seltener sitzen die Protagonisten dieser Debatten mit am gleichen Tisch. Von dieser Diskrepanz ausgehend hatten sich die Organisatoren der Konferenz „Global History, Globally“ ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: sie wollten einen wirklich globalen Dialog zwischen verschiedenen regionalen und konzeptuellen Ansätzen der Globalgeschichte anstoßen. Zu diesem Zweck luden sie 27 Historiker aus 18 Ländern aller fünf Kontinente im Februar zu einer zweitägigen Konferenz nach Cambridge/Massachusetts. In sechs Sitzungen zu Themen wie Nationalgeschichte und Globalgeschichte, Regionalgeschichten und Globalgeschichte, „große Themen“ der Globalgeschichte, „local settings, global views“, „global networks, global perspectives“ und „the struggle for local perspectives on global history“ wurde ein breiter Zugriff auf das Problem und eine Weitung des Horizont der Debatte angestrebt. Wie die Titel bereits erahnen lassen, waren die Panels nicht immer trennscharf definiert. Die Überschneidungen zwischen den Beiträgen und Panels führten dazu, dass sich kontinuierliche Diskussionsstränge herausbildeten, die von den Kommentatoren und Diskutanten immer wieder aufgegriffen wurden. Auch bei den thematisch einheitlicheren Panels (etwa der Sitzung über die „großen Themen“ oder derjenigen über den Zusammenhang von nationalen historiographischen Traditionen und Globalgeschichte) standen die Beiträge häufig separat – die verbindenden Diskussionen zogen sich eher über die Panel-Grenzen hinweg, als dass ihre Beiträge miteinander im Dialog standen. Vor diesem Hintergrund soll im Folgenden nicht auf die chronologische Abfolge der Vorträge, sondern auf drei übergreifende Diskussionsebenen verwiesen werden. Globalgeschichte und Nationalgeschichten
Jie-Hyun Lim (Hanyang University, Südkorea) beschrieb die Spannung zwischen Nationalgeschichte und transnationaler Geschichte in Japan und Korea. Er zeigte, dass hier einerseits die Nationalhistoriographien transnationale Elemente aufwiesen. So wurde etwa die erste japanische Geschichte auf französisch auf Anregung des Pariser Weltausstellungsbüros 1878 veröffentlicht. Andererseits gab es Tendenzen der nationalen Aneignung transnationaler Elemente wie des Panasien-Diskurses. Selçuk Esenbel (Bogaziçi University, Türkei) fragte in ihrem Beitrag, was Nationalgeschichte in der Türkei überhaupt sein könne, da sich jede Geschichtsschreibung auf das Osmanische Reich berufen müsse, ein Reich, das in 14 Nachfolgestaaten zerfallen sei, die nun auf eine verknüpfte Geschichte zurückblickten. Dennoch gebe es keine Global- oder Weltgeschichte in der Türkei im institutionalisierten Sinne. Beiträge anderer Sitzungen setzten sich ebenfalls mit dem Verhältnis von National- und Globalgeschichte auseinander. Shigeru Akita (Osaka University, Japan) illustrierte die Entwicklungslinien unterschiedlicher globalhistorischer Traditionen in Japan, die im Westen nur wenig bekannt sind. Sie reichten von Wallersteinschen Einflüssen über Alltags- und Konsumgeschichte bis zu international relations und maritimer Geschichte. Wirtschaftsgeschichte einerseits und Ideengeschichte andererseits nahmen einen besonders großen Stellenwert ein. In ihrem Beitrag über Globalgeschichte in Australien brachte Marnie Hughes-Warrington (Macquarie University, Australien) eine explizit periphere Perspektive zum Ausdruck. Sie fragte, wie zum Beispiel die Geschichte der Aborigines ihren Platz in der Weltgeschichte finden könnte. Außerdem verwies sie darauf, dass es in Australien keine Nationalgeschichte vor der Globalgeschichte gab, da Australien immer versucht habe, ein gleichwertiger Partner in internationalen Zusammenhängen zu sein. In einem eher regional als national ausgerichteten Plädoyer verfocht Jerome Teelucksingh (University of the West Indies, Trinidad and Tobago) die Integration der Karibik in die globale Geschichte. Wider den Eurozentrismus beschrieb er die Karibik als Wiege der Globalisierung und auch der Globalgeschichte, da sich die Karibik nie außerhalb von globalen Zusammenhängen definiert habe. Die hier kurz skizzierten sechs Länder- bzw. Regionalstudien verdeutlichen, wie divers die Wege zur Globalgeschichte sein können, wenn man über Europa und Nordamerika hinausblickt, und dass es eigentlich verhältnismäßig wenige Regionen gibt, die es sich leisten konnten, sich außerhalb von transnationalen Zusammenhängen rein national zu definieren. Neben der unterschiedlichen Beantwortung der Frage „Wann ist Globalgeschichte?“ war festzustellen, dass Globalgeschichte in verschiedenen Regionen eigene Konnotationen und institutionelle Ausprägungen, sei es in der Forschungspraxis, sei es im Unterrichtsalltag, erfährt. Thematische Zugänge zur Globalgeschichte
Neben dem Überblick über große Themen enthielt das Konferenzprogramm auch vereinzelte konkrete Fallstudien. Adapa Satyanarayana (Osmania University, Indien) beschäftigte sich mit Arbeitsmigration innerhalb Asiens, der Migrationshistoriker bisher nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt hätten, obgleich sie sehr viel bedeutender gewesen sei als die Auswanderung von Indien nach Großbritannien, Südafrika oder in die Karibik. Q. Edward Wang (Rowan University, USA und Peking University, China) widmete sich einer Fernsehserie des Senders CCTV, die im Auftrag des Politbüros 2006 produziert worden war und den Aufstieg neun großer Mächte (Portugal, Spanien, die Niederlande, Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Japan, Russland, USA) schilderte. Wang zeigte die chinesischen Traditionen auf, die in diesem „globalhistorischen“ Projekt Ausdruck fanden – so der Fokus auf den friedlichen Aufstieg und die Ausblendung der dunklen Seiten der Geschichte oder die Wahl von genau neun Ländern, einer Zahl, die durch eine zehnte Macht – natürlich China – zur Vervollkommnung gebracht werden würde, und verdeutlichte so in aufschlussreicher Weise die lokale Modellierung des Globalen. Wenn auch nicht viele der Konferenzbeiträge Fallstudien lieferten, so war die Priorität der Entwicklung relevanter Forschungsfragen und empirischer Ziele ein Konsens der Veranstaltung. Auch Beiträge, die sich nicht explizit „großen Themen“ oder Beispielstudien globalgeschichtlicher Probleme widmeten, lieferten Anregungen für zukünftige Forschungsagenden. Gareth Austin (London School of Economics and Political Science, Großbritannien) plädierte für Perspektivenwechsel im Vergleich der europäischen etwa mit der afrikanischen und asiatischen Entwicklung und entwickelte das Programm eines reziproken Komparatismus. Als weitere Felder, die für globalhistorische Forschung fruchtbar werden könnten, erwähnte er Gendergeschichte oder Umweltgeschichte (zum Beispiel Entwaldung oder Umweltschutz). David Armitage (Harvard University, USA) unterschied zwischen einer Geschichte des Globalen und der Globalgeschichte eines bestimmten Gegenstandes. Er schlug vor, entweder größere Zeitspannen zu untersuchen und die Vormoderne mit einzuschließen oder klar definierte kurze Zeitschnitte zu studieren. Auch verwies er auf die ozeanische Geschichte als lebendiges Forschungsfeld, das bei der Konferenz noch wenig angeklungen war, da der Zuschnitt meist um territoriale Regionen kreiste. Marcel van der Linden setzte sich ebenfalls für die vergleichende Untersuchung von Fünfjahreszeiträumen in verschiedenen Regionen ein. Dies wäre allerdings nur durch Forschungszusammenarbeit möglich. Auch Bénédicte Zimmermann (Ecole des Hautes Études en Sciences Sociales, Frankreich) regte kollektive Forschung als Ausweg aus dem Dilemma der Globalgeschichte an. Zur Anwendung der Methode der histoire croisée wären zudem klar definierte Problemstellungen vonnöten wie zum Beispiel Sklaverei oder die Kartographierung Indiens. Andreas Eckert (Humboldt-Universität Berlin, Deutschland) verwies auf die self-fulfilling prophecy des Themenzuschnitts. So gäbe es derzeit viel Forschung zu Seeleuten und „indentured labour“, man müsse sich aber in verstärktem Maße Landwirtschaft oder sesshaften Arbeitern widmen, also diejenigen untersuchen, die nicht ins Globale passten. Selçuk Esenbel warnte vor der Gefahr der Entpolitisierung der Globalgeschichte und regte daher die Erforschung informeller Netzwerke globaler Politik, aber auch illegale und illegitime Netze wie Drogenhandel oder Geheimdienste an. Eine weitere Möglichkeit wäre die Untersuchung von Routen und Wegen statt traditioneller Territorien. Auch Shigeru Akita betonte, dass es wichtig sei, die globale Geographie der Globalisierung und der Globalgeschichte selbst zu untersuchen. Zudem verwies er auf das Forschungsfeld der politischen Ökonomie mit Themen wie Freihandel, Währungen, Post oder internationale öffentliche Güter. Ein potentiell ergiebiger Ansatz schien Jürgen Osterhammel eine globale Begriffsgeschichte zu sein. Die Zukunft der Globalgeschichte
Es wurden auch Probleme benannt, die eine Institutionalisierung der Globalgeschichte behindern könnten. Eines war die mangelnde Definition und Abgrenzung zum Beispiel von den area studies oder der internationalen Geschichte. Obwohl Einvernehmen herrschte, dass Definitionsfragen nicht im Vordergrund stehen sollten, versuchte Erez Manela (Harvard University, USA) den Unterschied zwischen internationaler und globaler Geschichte zu fassen. Er trennte internationale Geschichte, die sich vor allem Individuen, Institutionen, Akteuren und „Ereignissen“ widmete und Globalgeschichte, die materielle, wirtschaftliche und soziale Prozesse in den Mittelpunkt rückte. Allerdings nahm er dieser Abgrenzung sogleich die Trennschärfe, indem er einräumte, dass die interessanteren neueren Projekte gerade durch die Kombination der beiden Ansätze bestechen. Charles Maier (Universität Harvard, USA) fragte sich, ob es überhaupt eine Gemeinschaft von Globalhistorikern gäbe oder geben könne. Auch mangelnde Sprachkenntnisse könnten eine Schwierigkeit sein: Esenbel verwies auf die aufwendige Ausbildung eines Globalhistorikers, der zum Beispiel mindestens zwei bis drei Quellensprachen beherrschen müsste. Ein weiteres Problem war das der Quellen und Archive, die für Globalgeschichte zur Verfügung stünden. Unterstützt von Sugata Bose (Harvard University, USA) plädierte Adapa Satyananarayana für eine Erweiterung dessen, was als Archiv gilt. Marcel van der Linden blieb skeptischer und unterstrich, dass es immer eine Diskrepanz zwischen den staatlich protegierten und finanziell gut ausgestatteten Archiven der reichen Gegenden der Welt und dem Rest geben würde. Provokant fragte er: wie gefährlich ist Globalgeschichte? Stellt sie nur einen Versuch des „Zentrums“ dar, in einer sich wandelnden Welt die eigene Vormachtsstellung zu wahren? Andere formulierten die Frage, die wie ein Damoklesschwert über der Veranstaltung hing: gibt es einen Ausweg aus dem Eurozentrismus? Schon in seiner Einleitung hatte Dominic Sachsenmaier auf die Hierarchien, die die globalisierende Welt kennzeichneten, hingewiesen, die auch vor akademischen Pforten nicht Halt machten. Nicht nur entstammen viele Begriffe westlichen Traditionslinien, auch muss man sich Mobilität leisten können, um am Unterfangen „Globalgeschichte“ teilnehmen zu können. Die Macht, die Welt zu interpretieren, ist also sehr ungleich verteilt. Die Vorsicht und Selbstreflexivität, mit der ans Werk gegangen wurde, war auffällig. Globalhistoriker, soweit sich die auf der Konferenz vertretenen Damen und Herren als solche definieren würden, scheuen sich, große Theoriegebäude aufzubauen. Trotz der Reflektionen über globale Hierarchien wurden Ungleichheiten dennoch gerade bei einer Konferenz wie dieser besonders deutlich, was zum Beispiel seinen Ausdruck darin fand, dass alle englisch sprachen, sich in Harvard trafen und verhältnismäßig viele Moderatoren und Kommentatoren aus Westeuropa und Nordamerika stammten. Was Pomeranz für die globale Wirtschaftsgeschichte aufzeigte, macht auch die Analyse der Konferenz selbst deutlich: Globalisierung bedeutet Integration einerseits, doch eine nicht zu übersehende Hierarchisierung auf der anderen. Selbst wenn die Konferenz in Momenten nicht über diese Hierarchien hinauswachsen konnte und die Diskussion gelegentlich in alte Bahnen zurückfiel (manche Spiegelwände der Debatte, von denen Sachsenmaier am Anfang gesprochen hatte, waren nicht einfach zu demontieren), war es ein großes Verdienst – neben einer Vielzahl forschungspraktischer Anregungen, die der Ausführung harren –, dass der Thematisierung genau dieser Ungleichheiten so viel Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Um zu vermeiden, dass Globalhistoriker an einem neuen Bollwerk der Globalisierung bauen, also einem „Globalozentrismus“ nach Überwindung des methodischen Nationalismus und Eurozentrismus, ist es wichtig, unterschiedlichen Perspektiven den nötigen Raum und das richtige Publikum zu geben, so vielleicht das wichtigste Fazit der Veranstaltung in Harvard. Auch wenn Hürden bleiben: einen wichtigen Schritt in Richtung „Global History, Globally“ ist die Konferenz in jedem Fall gegangen. | ||||||||||||
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