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Rez. EG: S. Zwicker: Nationale Märtyrer. Albert Leo Schlageter und Julius Fucík

15.08.2008 Havelka, Milos <milos.havelkagooglemail.com>
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Autor(en):Zwicker, Stefan
Titel:"Nationale Märtyrer". Albert Leo Schlageter und Julius Fucík. Heldenkult, Propaganda und Erinnerungskultur
Ort:Paderborn
Verlag:Ferdinand Schöningh Verlag
Jahr:2006
ISBN:3-506-72936-5
Umfang/Preis:369 S.; ¤ 44,00
 

Rezensiert für geschichte.transnational und H-Soz-Kult von:
Milos Havelka, Universita Karlová, Praha
E-Mail: <milos.havelkagooglemail.com>

Ein Vergleich zweier Nationalhelden totalitärer Systeme, des deutschen Nationalsozialismus und des tschechoslowakischen Kommunismus, nämlich von Albert Leo Schlageter und Julius Fucík, ist in weit mehr Hinsichten bemerkenswert als nur den im Untertitel des Buches aufgeführten. So gründet sich die Ähnlichkeit beider Personen bei Zwicker stärker auf die strukturellen Analogien der politischen Systeme als auf Parallelen in den Biografien. Dies ermöglicht zwar zu zeigen, in welchem Maße "die Mechanismen dieser Stilisierung und Heroisierung [beider Gestalten] nicht nur vergleichbar, sondern in sehr vielen Punkten ausgesprochen ähnlich" sind (S. 15), schwächt aber die Möglichkeit einer allgemeineren historisch-anthropologischen sowie wissenssoziologischen, fallweise ideologiekritischen Verankerung der Heldenrepräsentationen.

Zwicker deutet die Gestaltungsmechanismen des Heldenkultes, zeigt dessen einzelne Bausteine und die Formen seiner propagandistischen Nutzung (und Ausnutzung) in beiden Regimen auf, seine Präsenz und etwaige Wandlungen bei der Generierung allgemeinerer Formen des politischen Gedächtnisses. In historisch-komparativer Perspektive wird dies alles gestützt durch eine unerwartet detaillierte, unvoreingenommene, mit Material belegte, verlässliche und im Vergleich so manches Mal fruchtbare Darstellung der Biografien beider Protagonisten des Buches. Auf der anderen Seite aber kann sie bisweilen etwas "einfach gestrickt" anmuten, unter anderem deshalb, weil Zwickers theoretisch etwas schwammiger Ausgangspunkt - er bleibt im Wesentlichen auf das bloße Faktum der Existenz eines Heldenkultes beschränkt - mögliche tiefere anthropologische Bedeutungsschichten im Dunkeln lässt.

An Julius Fucík (1903-1943), auf dessen Behandlung durch Zwicker sich diese Besprechung konzentriert[1], ließe sich beispielsweise nicht nur seine Stellung unter den anderen tschechischen nationalen Märtyrern aufzeigen (S. 220ff.), sondern auch, dass sich das Bild Fucíks von diesen nicht durch seine spezifische Form oder die Bestandteile seiner Konstruktion, die größtenteils aus dem 19. Jahrhundert stammen, als vielmehr nur durch seinen starken ideologischen Gehalt und die politische Kontextualisierung unterscheidet. Hier geht es nämlich auch darum, dass das totalitäre System in der Tschechoslowakei in seiner ersten Phase, in der es zur Konstruktion des Fucíkbildes kam, sehr stark historisch legitimisiert wurde, und zwar vor allem durch die Versuche eines der führenden Nachkriegsideologen zum Sozialismusaufbau, Zdenek Nejedlý, in dessen Anknüpfung an die "nationale und volkstümliche" Tradition des 19. Jahrhunderts der Unterschied zwischen nationaler und Klassenemanzipation sowie zwischen religiösem und sozialem Kampf z.B. völlig verschwand.

Der kommunistische Funktionär Fucík, Journalist, linker Liebling einiger rechter Salons der Ersten Republik, illegaler Arbeiter während des Protektorats, wurde am 8. September 1943 im Gefängnis Berlin-Plötzensee hingerichtet. Schon als Achtzehnjähriger trat er in die Kommunistische Partei der Tschechoslowakei ein. Er studierte als außerordentlicher Hörer an der Prager Philosophischen Fakultät und nach einem kurzen Abenteuer in der führenden Gruppe der tschechischen künstlerischen Avantgarde "Devetsil" (1926) wurde er Chefredakteur der kommunistischen, intellektuell orientierten Zeitschrift "Tvorba" (1928-1938). Gleichzeitig wirkte er als Redakteur beim Zentralorgan der kommunistischen Partei "Rudé právo", unter anderem auch als Moskau-Korrespondent. Ende der 1920er-Jahre schloss sich Fucík der Parteiführung Klement Gottwalds an und wurde zum Hautpropagandisten von Stalins Sowjetunion. In den Jahren 1941-1942 (bis zu seiner Festnahme) war er Mitglied des zweiten illegalen Zentralkomitees der KPTsch. Zwickers Darstellung der Details aus Fucíks Leben ist sehr ausführlich, fundiert und selbst für den tschechischen Leser von großem Wert.

Vor allem nach 1948 wurde Fucíks politische sowie intellektuelle Bedeutung entschieden überhöht. Gleichwohl scheint es dabei charakteristisch, dass in der Nachkriegstschechoslowakei weder seiner konkreten anti-deutschen Tätigkeit je kritische Aufmerksamkeit gewidmet wurde, noch der Analyse vieler seiner Texte aus der Okkupationszeit. Es ging darum, seine wahren Verdienste im Vergleich mit den anderen Widerstandskämpfern aufzuzeigen. In dieser Hinsicht bleibt auch Zwickers Betrachtung an der Oberfläche.

Die Nachkriegsmetamorphose Fucíks in den Haupt-, ja sogar einzigen einheimischen Repräsentanten antifaschistischer und gegen die Okkupation gerichteter Aktivitäten sollte das Gedächtnis an andere Akteure und Opfer überdecken. Nicht nur die Erinnerung an Figuren des bürgerlichen Widerstands, wie zum Beispiel an Vladimír Krajina [2], an die so genannten "drei Könige" (das heißt an Josef Ma¨ín, Václav Morávek und Josef Balabán[3]) oder an die Heydrich-Attentäter Josef Gabcík und Jan Kubi¨ sollten verdunkelt werden.

Fucíks Ruhm überstieg nach und nach die nationale Grenze. In seinem berühmtesten Buch "Reportage unter dem Strang geschrieben"[4], das in mehr als 90 Sprachen übersetzt wurde, vermischen sich Reflexe tschechischer Kultur und tschechischen Lebenssinns mit politischen Bekenntnissen, mit Schilderungen von Verhaftungen, Verhören und Gefangenschaft, mit Charakteristiken der Mitgefangenen und Aufseher u.ä. In den 1950er- und 1960er-Jahren wurde Fucík zum Symbol fast jeden linken, antiimperialistischen, antikolonialen und national-emanzipatorischen Widerstands.

Trotz der schwachen theoretischen Verankerung ist Zwickers Buch gerade dort interessant, wo er den rein prosopographischen Boden verlässt und die bloße Transkription biografischer Quellen aufgibt. Sein "Vergleich des Nichtvergleichbaren" begründet sich auf einige angeblich grundlegende, inhaltlich allerdings ziemlich allgemeine und zum Vergleich nur formale "gemeinsame Züge". Vor allem sind das a) die ähnlichen Todesumstände: "Verhaftung im vom "Erbfeind" besetzten Gebiet, dann kurzer Prozess und Hinrichtung durch die fremde Macht" (S. 16); b) die ähnliche Konstruktionsweise, in der beide Figuren zu Nationalhelden stilisiert wurden, und zwar im Wesentlichen nach christlichen Mustern, mit Betonung ihrer Schönheit und Unschuld, und unter Ausnutzung der zeitgenössischen Vorstellungen über nationale Identität, politische Bedürfnisse, spezifische Formen der Erinnerung sowie breiteste kulturelle Stereotypen. Zwicker verweist z.B. auf die Anspielung auf das Neue Testament in Fucíks "Reportage" hin (S. 179); c) Der Kult um sie entstand in "mehr oder weniger demokratischen, wenn auch politisch nicht ganz stabilen Systemen"; d) ein ähnlicher Wirkungsverlauf ihrer Bilder: zunächst nüchtern in der Weimarer und der "Dritten" tschechoslowakischen Republik, dann leidenschaflich im Totalitarismus und schließlich Desinteresse nach dem politischen Wandel, das heißt nach 1945, respektive 1989, als man in der Öffentlichkeit und in der Propaganda ihr symbolisches Kapital ausgeschöpft hatte.

Möglicherweise wäre es daher gut gewesen, die theoretische Rahmung der Darlegung etwas zu verstärken und beispielsweise den Ansätzen der "cultural studies" (beispielsweise dort, wo es um den Weg von der Repräsentation zum Kult geht), oder einem "wissenssoziologischen" Zusammenhang der symbolischen Konstruktion beider "nationaler Märtyrer" mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Durch eine Thematisierung der Unfähigkeit, sich mit den dramatischen Folgen gesellschaftlicher und politischer Wandlungen, mit dem Gefühl der Niederlage und nationalen Bedrohung, mit opportunistischen Lebensorientierungen während der Okkupation, mit Kollaboration usw. abzufinden, könnte man nicht nur etwas über die Entstehung und die Wirkung der Bilder Fucíks und Schlageters aussagen, sondern gleichzeitig auch - und dies im Sinne des bekannten Brecht-Aphorismus' - über das Unglück der Zeiten und Nationen, die Helden nötig haben.

Dennoch: für die Belange einer historischen Bewältigung der totalitären Regime des vergangenen Jahrhunderts und für die Ablösung "wahrer" historischer Bedeutungen von ihren ideologischen Manipulationen wurde hat Zwicker eine inspirative Lektüre geboten, ebenso interessant in der Stellung der Fragen wie den angebotenen Antworten, und nicht zuletzt auch im bearbeiteten Material.

Anmerkungen:
[1] Eine erste Besprechung des Bandes durch Christian Fuhrmeister war ausschließlich auf die Behandlung von Leo Schlageter konzentriert. H-Soz-u-Kult, 01.02.2007, <hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-1-074>.
[2] Krajina Vladimír, 30.1.1905 (Slavice) - 1.6.1993 (Vancouver), ein tschechischer Botaniker und Politiker, war während der deutschen Okkupation einer der Hauptorganisatoren des einheimischen bürgerlichen Widerstandes. Er lenkte vor allem die wichtige Nachrichtenverbindung mit der Londoner Exilregierung. 1943 wurde er verhaftet und in Theresienstadt inhaftiert. Nach dem Krieg hatte er verschiedene politische Funktionen inne, bald nach dem kommunistischen Umsturz 1948 ging er in die Emigration. Im Jahr 1990 erhielt er die höchste tschechoslowakische Auszeichnung, den Orden des Weißen Löwen.
[3] "Die drei Könige" war eine der aktivsten und erfolgreichsten Widerstandsgruppen. Die Mitglieder der Gruppe kamen bei einem Schusswechsel um oder wurde 1942 hingerichtet.
[4] Das Buch wurde aus insgesamt 167 handschriftlichen Blättern zusammengestellt, die Fucík 1943 im Prager Gefängnis Pankrác schrieb und die tschechische Aufseher hinausschmuggelten. Der Text schwankt zwischen Zeugnis und Selbststilisierung. Das Buch bewirkte vor allem eine Emotionalisierung des Glaubens an die Niederschlagung des Faschismus und an den Kommunismus als einzige Zukunft der Menschheit. Seine Ehefrau Gusta Fucíková strich vor der ersten Veröffentlichung die Passagen, in denen Fucík ein gewisses Maß an Schuld an der Verhaftung seiner gesamten Widerstandsgruppe und auch seine Strategie der Verheimlichung und der Zusammenarbeit mit Ermittlern zugab. Die erste vollständige Herausgabe erschien erst 1995.

Diese Rezension wurde redaktionell betreut von:
Frank Hadler <hadler@uni-leipzig.de>

Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums geschichte.transnational. geschichte-transnational.clio-online.net/

Typ:Monografie
Land:Germany
Sprache:German
Klassifikation:Regionaler Schwerpunkt: Europa
Epochale Zuordnung: 20. Jahrhundert
Thematischer Schwerpunkt: Kulturgeschichte und -wissenschaft
Zitation:Milos Havelka: Rezension zu: Zwicker, Stefan: "Nationale Märtyrer". Albert Leo Schlageter und Julius Fucík. Heldenkult, Propaganda und Erinnerungskultur. Paderborn 2006. In: H-Soz-u-Kult, 15.08.2008, <http://geschichte-transnational.clio-online.net/rezensionen/2008-3-113>.

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