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Fachforum zur Geschichte des kulturellen Transfers und der transnationalen Verflechtungen in Europa und der Welt

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Rez. NEG: U. Prutsch: Creating Good Neighbors?

12.02.2010 Rinke, Stefan <stefan.rinkefu-berlin.de>
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Autor(en):Prutsch, Ursula
Titel:Creating Good Neighbors?. Die Kultur- und Wirtschaftspolitik der USA in Lateinamerika, 1940–1946
Reihe:Transatlantische Historische Studien 33
Ort:Stuttgart
Verlag:Franz Steiner Verlag
Jahr:2008
ISBN:978-3-515-09009-4
Umfang/Preis:476 S.; € 56,00
 

Rezensiert für geschichte.transnational und H-Soz-u-Kult von:
Stefan Rinke, Freie Universität Berlin
E-Mail: <stefan.rinkefu-berlin.de>

Seit den Arbeiten Detlef Junkers bis hin zur jüngsten Studie von Uwe Lübken hat die US-amerikanische Lateinamerikapolitik in der Phase der „Guten Nachbarschaft“ unter Franklin D. Roosevelt die Aufmerksamkeit vieler deutscher Historiker auf sich gezogen. Das ließ sich nicht zuletzt darauf zurückführen, dass diese neue Politik auch eine Reaktion auf die nationalsozialistische Herausforderung in der so genannten „Westlichen Hemisphäre“ war. Wenn man aber dachte, mit Lübkens Buch sei nun vorerst das letzte Wort gesprochen, so sieht man sich getäuscht, denn Ursula Prutsch hat mit ihrer Wiener Habilitationsschrift eine Arbeit vorgelegt, die auf weitgehend unbekanntem Quellenmaterial basiert und neue Perspektiven auf diese wichtige Epoche der Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Lateinamerika präsentiert.

Der Fokus dieser Arbeit liegt auf den Aktivitäten des Office of Inter-American Affairs (OIAA), das Präsident Roosevelt 1940 ins Leben rief. Diese unter der Leitung des Tycoons Nelson Rockefeller stehende Behörde prägte die Lateinamerikapolitik der USA in der Zeit des Zweiten Weltkriegs wie keine andere Institution. Zur Beeinflussung bediente sich das OIAA unterschiedlicher Mittel und Wege. Zentral war ein Netzwerk von Politikern, Intellektuellen und Kulturschaffenden sowie Unternehmern in den Amerikas. Ziele waren die Sicherung der lateinamerikanischen Sympathie für die Rolle der USA im Krieg, die Kontrolle der lateinamerikanischen Rohstoffe sowie die Verbreitung des American way of life. Die bereits in den 1920-Jahren erkennbaren Ansätze einer zunächst noch eher dezentralen Kulturpolitik wurden in diesem Zeitraum verstaatlicht. Es erfolgte ein zielgerichteter Einsatz v.a. von Hollywoodfilmen von Radio und Presse.

In drei großen Kapiteln geht Prutsch ihr Thema an. Zunächst diskutiert sie kenntnisreich den Aufbau und die Zielrichtung des OIAA. Die unterschiedlichen Facetten der Aktivitäten - Geheimdienst, Wirtschaftskrieg, Propaganda – erscheinen hier in einem neuen Licht. Danach widmet sie sich dem Fall Brasilien, wo das OIAA vergleichsweise erfolgreich tätig war, und abschließend dem Fall Argentinien, wo das OIAA phasenweise auf großen Widerstand traf. Im Fall Brasiliens zeigt sie anhand von spannenden Bild- und Textquellen z.B. die US-amerikanische „Eroberung“ des Amazonas-Raums als wichtiger Rohstoffquelle. Ferner diskutiert sie die Beeinflussung der brasilianischen Presse. Den bereits oft erwähnten Einflüssen des Hollywoodkinos, insbesondere Walt Disneys, geht Prutsch mit einer detaillierten Quellenanalyse auf den Grund. Auch bildende Kunst und Musik haben ihren Stellenwert. So diskutiert die Autorin die künstlerischen Kulturtransfers anhand von Portinari oder Carmen Miranda einerseits und Biddle bzw. Gershwin andererseits. Ähnlich ist die Vorgehensweise von Prutsch für den argentinischen Fall, den sie abschließend mit Brasilien vergleicht.

Ursula Prutsch hat eine sehr gute und wichtige Arbeit vorgelegt, die hohen wissenschaftlichen Standards entspricht und sich aus einer postkolonialen Perspektive speist. „Creating Good Neighbors“ steht im Kontext der neuen Kulturgeschichtsschreibung der interamerikanischen Beziehungen und führt diese überzeugend weiter. Ferner beeindruckt die Arbeit durch ihre Multiperspektivität. Haben frühere Studien noch daran gekrankt, dass die AutorInnen in der Regel Experten der US-amerikanischen Außenpolitik waren, die nur geringe Kenntnisse des lateinamerikanischen Kontextes aufwiesen, so ist dies bei Prutsch nicht der Fall. Im Gegenteil beherrscht sie den argentinischen und brasilianischen Kontext überzeugend. Daher kann Prutsch auch den modernen Ansatz des Kulturtransfers sinnvoll und ertragreich zur Anwendung bringen.

Eine weitere Stärke der Arbeit ist ihre umfassende Quellenbasis. Prutsch hat Material entdeckt, das in dieser Form noch nicht ausgewertet wurde. Zwar waren Nelson Rockefeller und sein OIAA nicht unbekannt, doch fehlte bislang eine Arbeit, die den umfangreichen Quellenbestand im Zusammenhang auswertet und in den Kontext der US-amerikanischen Lateinamerikapolitik einbettet. Kurz: ein rundum solides Buch, das in Zukunft zu den Standardwerken der interamerikanischen Beziehungen in der Zeit des Zweiten Weltkriegs zählen wird.

Diese Rezension wurde redaktionell betreut von:
Katja Naumann <knaumann@uni-leipzig.de>

Diese Rezension enstand im Rahmen des Fachforums geschichte.transnational. geschichte-transnational.clio-online.net/

Typ:Monografie
Land:Germany
Sprache:German
Klassifikation:Regionaler Schwerpunkt: Amerika
Epochale Zuordnung: 20. Jahrhundert, 1933-1945
Thematischer Schwerpunkt: Kulturgeschichte und -wissenschaft, Politikgeschichte und -wissenschaft, Wirtschaftsgeschichte und -wissenschaften
URL zur Zitation
dieses Beitrages:
http://geschichte-transnational.clio-online.net/rezensionen/id=13427

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